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Alt 11-03-2009, 07:27 AM
Alois Unverdorben
 
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Standard Keine Stadt ohne Einwanderung oder: die Normalität der Migration


Keine Stadt ohne Einwanderung oder: die Normalität der Migration

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.
Karl Valentin


Kein Tag vergeht ohne einen Beitrag in der Tagespresse, im Radio und
Fernsehen zum Themenkomplex Integration und Migration – in Österreich wird
das Thema vorzugsweise unter dem Schlagwort „Ausländerthema“ oder
„Ausländerproblem“ abgehandelt. Man könnte meinen, Zuwanderung nach
Österreich gibt es erst seit fünf bis zehn Jahren, so aufgeregt wird die
Diskussion geführt. Dass die FPÖ es seit fast 20 Jahren schafft, Wahlkampf
für Wahlkampf „Ausländer“ zum Thema zu machen und die anderen Parteien
eben solange unfähig sind darauf adäquat zu reagieren bzw. offenbar nicht
in der Lage sind, eine eigenständige Politik zu verfolgen, die sich nicht
ständig daran orientiert, was die FPÖ gerade macht, lässt einen nur mehr
ratlos den Kopf schütteln.

Der allgemeinen Aufgeregtheit soll mit diesem dérive-Schwerpunkt ein wenig
Gelassenheit entgegengesetzt werden. Migration ist seit ewigen Zeiten eine
der normalsten Sachen der Welt und Städte, die nicht in
Bedeutungslosigkeit und Langeweile versinken wollen, sollten froh sein,
ein Ziel für Zuwanderung abzugeben. Man stelle sich nur eine Stadt wie
Wien ohne ZuwanderInnen vor: Hätte die Donaumetropole in den letzten 150
Jahren keine Einwanderung erfahren, wäre sie wohl nicht mehr als eine
schrumpfende Kleinstadt bar jeder internationaler Bedeutung, deren
BewohnerInnen auf zahlreiche „typische“ Leibspeisen, lieb gewonnene
Ausdrücke und tourismusfördernde Gebäude ebenso verzichten wie sie sich
mit einem bescheidenen Kultur-, Wissenschafts- und Geistesleben begnügen
müssten. 20 bis 30 Prozent an im Ausland geborenen BewohnerInnen ist für
zahlreiche Städte weltweit seit Jahrzehnten Normalität, auch Zahlen bis zu
50 Prozent sind keine Seltenheit mehr.

Neu an der Migration ist aber, dass sie ihr Gesicht verändert.
Migrationsrouten waren lange Zeit relativ klar nachvollziehbar und
übersichtlich – AlgerierInnen gingen nach Frankreich, Pakistani nach
Großbritannien, TürkInnen nach Deutschland – die Liste ließe sich noch
lange fortführen. Heute gibt es eine unglaubliche Vielzahl sich kreuzender
Routen, die nicht mehr eindeutig historischen oder politischen
Verbindungen zwischen altem und neuem Heimatland entsprechen. Auch die
Kategorien und rechtlichen Status der MigrantInnen sowie die sozialen und
politischen Implikationen haben sich vervielfacht. Steve Vertovec,
Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und
multiethnischer Gesellschaften in Göttingen, spricht in diesem
Zusammenhang deshalb von einer „diversification of diversity“ (Vertovec,
2008). Für Zielländer und -städte ist es unabdingbar sich auf diese neuen
Bedingungen einzustellen: „Social, political and economic success will be
determined by how well societies adapt themselves to increasing complexity
(not how they fight it).“ (Vertovec, 2008)

Migration ist ein Querschnittsthema und deswegen ist es höchst an der
Zeit, wie zuletzt auch der Wiener Bürgermeister Häupl gefordert hat, ein
Integrationsstaatssekretariat einzurichten. Die bisherige – und nach wie
vor gültige – Ansiedelung der österreichischen Integrationspolitik im
Innenministerium hat in den letzten Jahren nur dazu geführt, dass
Integrations- und Asylpolitik in erster Linie mit den Themen Sicherheit
und Kriminalität verknüpft worden ist. (Was im Übrigen nicht erst seit der
konservativen Innenministerin Maria Fekter Faktum ist, auch zurzeit der
SPÖ-Innenminister Löschnak und Schlögl in den 1990er Jahren stellte sich
die Situation in Österreich ähnlich dar.) Es ist mehr als an der Zeit zu
ignorieren, was Rechts-Außen-Parteien zu diesem Thema vermelden. Ohne
eigenständige, moderne und offene Migrationspolitik ist keine annehmbare
Lösung in Sicht. Denn egal wie man dazu steht: Migration ist eine
alltägliche Realität und betrifft alle Aspekte der Stadtgesellschaft – von
Bildung, Kultur, Wohnen, Sozial- und Gesundheitsthemen, bis zur
politischen Teilhabe und dem Arbeitsmarkt – und wird künftige Generationen
noch stärker prägen als sie es bisher schon getan hat.

Diese Normalität der Migration zeigt sich in zahlreichen Statistiken. Auch
der in Österreichs Hauptstadt gern getätigte Hinweis, doch einen Blick ins
Telefonbuch zu werfen, um daran erinnert zu werden, welch beträchtlicher
Teil der WienerInnen osteuropäische Wurzeln hat, besitzt noch immer seine
Berechtigung. Das Wien um 1900 ist noch heute regelmäßig Thema von
Publikationen, Ausstellungen und wissenschaftlichen Forschungen und gilt
als die große Zeit der Wissenschaften und Künste. Gerade in diesem
historischen Zeitraum erlebte Wien eine ungeheure Zuwanderung, welche die
EinwohnerInnenzahl zwischen 1870 und 1910 von 840.000 auf über 2 Mio.
emporschnellen ließ, was die derzeit aktuellen Zuwanderungszahlen allesamt
lächerlich erscheinen lässt. Dass damals für viele Menschen, die während
dieser Zeit nach Wien kamen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen
katastrophal waren und der Antisemitismus enorme Verbreitung fand, ist die
bekannte Schattenseite. Dass Wien noch heute von den architektonischen,
künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen profitiert, bleibt jedoch
unbestritten.1

35 Prozent der Wiener Betriebe sind aktuell im Besitz von
UnternehmerInnen, die 72 unterschiedliche Staatsbürgerschaften besitzen,
nur eine nicht, nämlich die österreichische. Die Eltern von rund 50
Prozent der Wiener ErstklasslerInnen haben keine österreichische
Staatsbürgerschaft2 bzw. nicht Deutsch als Muttersprache. WienerInnen mit
Migrationshintergrund prägen also schon heute zu einem guten Teil das
Leben der Stadt und werden das in Zukunft noch stärker tun. Völlig egal
also, ob wir darüber glücklich sind oder nicht: Es wird für unser aller
Zukunft das Schlaueste sein, den Umstand zur Kenntnis zu nehmen, zu
akzeptieren und das Beste daraus zu machen.

Um genau das zu tun, dürfen sich die regierenden PolitikerInnen ab sofort
durchaus ein wenig anstrengen und endlich eine Politik gestalten, die sich
nicht ständig an den jeweiligen Kampagnen von Stammtischweisheiten
absondernden Rechts-Außen-Parteien wie der FPÖ orientiert. Diese haben
nämlich nicht das geringste Interesse, eine Gesellschaft mitzugestalten,
die allen BewohnerInnen der Stadt ein lebenswertes Umfeld bietet,
individuelle Freiheiten sichert, ein berufliches Fortkommen und Bildung
ermöglicht. Schließlich würden sie sich damit die eigenen politischen
Pfründe abgraben und nur mehr als Kleinparteien am Rande des politischen
Spektrums vor sich hin dümpeln. In Wien sind in letzter Zeit erste Ansätze
in Richtung einer eigenständigen Migrationspolitik zu beobachten.
Mitverantwortlich dafür ist Kenan Güngör, der etliche österreichische
Städte, Organisationen und Bundesländer in Sachen Integrationspolitik
berät und gemeinsam mit den jeweiligen Akteuren Leitbilder dafür
entwickelt. Ein Interview mit Kenan Güngör findet sich als Abschluss
dieses Schwerpunkts ab Seite 26.

Auch Erol Yildiz konstatiert in seinem Beitrag Von der Hegemonie zur
Diversität die positiven Veränderungen der letzten Jahre, die sich in
Deutschland beispielsweise an Staatsbürgerschaftsrecht und
Zuwanderungsgesetz zeigen. Insgesamt beurteilt er die Fortschritte des
Migrationsdiskurses jedoch weiterhin kritisch: Für Yildiz dominiert nach
wir vor „das Bild eines ,nicht anpassungsfähigen‘ Migranten, der sich in
seine ethnische Nische zurückzieht, seine ,Herkunftskultur‘ reproduziert,
in der medialen und realen Parallelwelt lebt und zu Fundamentalismus und
Gewalt neigt“ die Debatte. Er sieht eine große Differenz zwischen diesem
nach wie vor hegemonialen Blick, der von außen auf die
Migranten-Communities geworfen wird, und der unspektakulären Alltagspraxis
und Lebenswirklichkeit migrantischer Gruppen. „Was aus der
Außenperspektive als negativ und homogen präsentiert wird, erweist sich
aus der Binnensicht als durchaus differenziert, mehrdimensional und
hybrid.“

Einen weiteren Beitrag zum Schwerpunkt liefert Wolf-Dietrich Bukow. Auch
Bukow sieht Normalität in Form einer „alltäglichen Routine im Umgang mit
Diversität“, die vor allem dort zu finden ist, wo „Diversifizierung des
Alltags aus welchen Gründen auch immer gelebt und oft schon aus
pragmatischen Gründen zugelassen wird, in jedem Fall weit ,unterhalb‘ der
politischen Debatten.“ Im Zentrum seines Textes steht die Frage, wie die
europäische Stadt strukturell auf Mobilität reagiert. Dazu untersucht er
„wie urbane Arrangements arbeiten bzw. wie Mobilität und die in diesem
Zusammenhang zunehmende Diversität von der Stadt als einem lebenden System
verarbeitet, nämlich ,strukturell akkommodiert‘ wird.“

Klaus Ronneberger und Vassilis Tsianos beginnen ihren Beitrag zum
Schwerpunkt mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der Migration,
beginnend mit der Anwerbung der GastarbeiterInnen, die in Deutschland in
den 1950er und in Österreich in den 1960er Jahren startete. Zentral in
ihrem Beitrag Panische Räume sind allerdings die Fragen rund um die
räumliche Segregation von MigrantInnen und Begriffe wie Ghetto und
Parallelgesellschaft , die trotz ihrer zunehmenden Beliebtheit für die
Verhältnisse im deutschsprachigen Raum bestenfalls sehr ungenau oder
überspitzt, und meist schlicht falsch sind. Ronneberger und Tsianos
vermissen hier kritische Positionen in der deutschsprachigen
Stadtforschung sowie eine ideologie- und diskurskritische Diskussion über
Rassismus, wie sie in der anglo-amerikanischen Debatte anzutreffen ist.
Dabei weisen die beiden darauf hin, dass „die Referenz auf Kultur die
ideologische Konstruktion des Fremden dominiert und als naturalisierende
Kategorie fungiert“.

Man muss an dieser Stelle vielleicht ein wenig weiter ausholen und neben
der von Ronneberger und Tsianos erwähnten Problematik, die darauf hinaus
läuft „die Ursache des Rassismus in seine Opfer zu verlegen“, auch über
das Paradoxon des Multikulturalismus , wie es der französische Autor
Pascal Bruckner in seinem Essay Fundamentalismus der Aufklärung oder
Rassismus der Antirassisten? vor einigen Jahren in der Debatte um Ayaan
Hirsi Ali formuliert hat, nachdenken: „Er (der Multikulturalismus, Anm.
C.L.) gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den
Menschen, aus denen sie sich bilden, denn er verweigert ihnen die
Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen. Stattdessen:
Anerkennung der Gruppe, Unterdrückung des Individuums. Bevorzugung der
Tradition gegen den Willen all jener, die Bräuche und Familie hinter sich
lassen, weil sie zum Beispiel die Liebe nach ihrer eigenen Vorstellung
leben wollen.“ Bruckner spricht hier einen Aspekt an, der es verdienen
würde, breiter und vor allem auch sachlicher diskutiert zu werden. Bisher
findet diese Diskussion im deutschsprachigen Raum – und hier vor allem in
Deutschland – meist sehr emotional statt, was zu verhärteten Standpunkten
und Stillstand statt Entwicklung führt.
Menschen in erster Linie als Träger einer Kultur oder Religion zu sehen,
und die – auf Seiten der Linken – daraus folgenden kulturrelativistischen
Positionen, müssen einer Kritik unterzogen und zur Diskussion gestellt
werden. Die Möglichkeit der freien Entfaltung der Persönlichkeit ohne
Rücksicht auf Religion oder Kultur ist ein zu wichtiges Gut. Die leidige
Kopftuchdebatte bildet hierbei nur ein, wenn auch bereits klassisches
Beispiel: Von vielen Linken und Grünen wird das Recht ein Kopftuch zu
tragen meist viel hartnäckiger verteidigt, als das Recht kein Kopftuch zu
tragen. Da wir aber weit davon entfernt sind, dass muslimische Frauen
diese Frage ohne äußeren Druck für sich selbst entscheiden können, würde
es mehr Linken und Grünen gut anstehen, auch hier aktiv einen
Nachdenkprozess zu beginnen.

Schließlich gehört es zu den Grundbedingungen einer offenen Stadtpolitik,
allen BewohnerInnen gleiche Rechte zu garantieren, ihnen den gleichen
Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Universitäten zu
ermöglichen und ihnen die Teilhabe am politischen Willensbildungsprozess
zu sichern. Finden alle diese Voraussetzungen vor und sind die
BewohnerInnen somit auch BürgerInnen der Stadt, eröffnet dies erst die
Freiheit der Entscheidung, welchen politischen, kulturellen oder wie auch
immer gearteten Netzwerken und Communities jede/r einzelne von ihnen
angehören will – oder eben nicht.



Literatur

Vertovec, Steve (2008): New Complexities and Challenges of Diversity.
Vortrag beim Internationalen Symposium Städte – Sprachen – Kulturen,
Mannheim, 19. September 2008 (Verfügbar unter:
http://www.hausderdeutschensprache.de, Stand 01.10.2009)
Bruckner, Pascal (2007): Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus
der Antirassisten? (Verfügbar unter:
http://www.perlentaucher.de/artikel/3594.html, Stand 01.10.2009)

Q: http://www.derive.at/index.php?p_cas...61&issue_No=37
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